04 | 2019 Marktkommentar

Geduldsprobe

Der März rundete die ersten Monate des Jahres zu einem freundlichen Quartal ab. Die meisten Aktienmärkte rund um den Globus konnten leicht zulegen. Die Renditen von Staatsanleihen gingen weltweit zurück. Der Preis für ein Fass Rohöl legte deutlich zu.

Bei den großen Themen der Welt und der Weltwirtschaft gibt es wenig Veränderung. Der Handelsstreit zwischen USA, Europa und China schwelt weiter. Vor allem von Seiten der USA entwickeln sich die regelmäßigen Androhungen von Strafzöllen zum alltäglichen Geschäft. In vielen Bereichen von Gesellschaft und Wirtschaft wird immer lauter gepoltert. Ein Trend zu Diskriminierung, Abgrenzung und Machtdemonstration ist zu beobachten. Dabei wird der Blick auf das Gemeinwohl häufig lokalen ideologischen Interessen untergeordnet. Auch das volkswirtschaftliche Gemeinwohl bleibt davon nicht verschont.

Insgesamt ist das konjunkturelle Umfeld allerdings noch sehr positiv. Die Arbeitsmarktdaten sind in vielen führenden Wirtschaftsnationen auf Rekordniveau. Beispielsweise ist die Arbeitslosenrate in Deutschland auf dem niedrigsten Niveau seit der Wiedervereinigung, aber auch in den USA und sogar in Großbritannien auf den niedrigsten Ständen seit vielen Jahrzehnten. Trotz einiger zuletzt rückläufiger Stimmungsindikatoren ist die Weltkonjunktur also weiterhin in voller Fahrt und kommt trotz der bisher überwundenen Stolpersteine nicht aus dem Tritt. Die US-Notenbank hat in den letzten beiden Jahren dem aufkommenden Inflationsdruck bereits mit kontinuierlichen Zinserhöhungen entgegengewirkt. Die ersten Schritte der EZB lassen mit Rücksicht auf die weiterhin schwachen Regionen in Italien und Griechenland bislang auf sich warten. Die Hängepartie im Brexit hat für zusätzliche Verunsicherung gesorgt. Und es gibt fast keine wirksamere Wirtschaftsbremse als Unsicherheit.

Apropos Brexit, auch der finale Termin am 29. März 2019 verstrich unverrichteter Dinge. Vielmehr wurden eine Verlängerung und schließlich eine Verlängerung der Verlängerung beschlossen. Die gute Nachricht ist, dass ein ungeordneter, harter Brexit zunächst abgewendet wurde und sich die Briten auch für die nahe Zukunft deutlich dagegen positioniert haben. Die schlechte Nachricht ist, dass die Briten nicht einmal ansatzweise einen Ausweg aus dem Dilemma finden. In der Tat scheint ist es für die Briten sehr schwer, sich eine vernünftige Alternative zu erarbeiten. Die Populisten ziehen sich seit der Abstimmung auf den Standpunkt zurück, dass der Brexit nun eben des Volkes Wille sei, welchen man nicht in Frage stellen dürfe. Eine sinnhafte Gestaltung des Ausstiegs scheint kaum möglich. An eine zweite Volksabstimmung wagt sich das völlig zerstrittene Parlament (noch) nicht heran. Gleichwohl ist sich das Parlament einig, dass es die Lösung der Frage nicht an die Regierung delegieren dürfe beziehungsweise dass die bereits erarbeitete Lösung nicht akzeptabel sei. Mittlerweile greift im übrigen Europa eine Mischung aus Mitleid und Ungeduld um sich.

Weit verbreitet ist hierzulande die Meinung, dass der Brexit in der wirtschaftlichen Gesamtbetrachtung sowohl den Briten als auch der übrigen EU bereits jetzt schadet. Auch beim Vollzug wird es wohl keine Gewinner geben. Eine vernünftige rationale Bewertung wird volkswirtschaftlich und geopolitisch stets das gemeinschaftliche Zusammenleben favorisieren. Allerdings dürften dem Rückzug vom Rückzug einige Einzelinteressen im Wege stehen und es sich für die derzeitigen Protagonisten äußerst schwierig gestalten, dabei nicht ihr Gesicht zu verlieren. Die EU zeigt sich sehr geduldig. Die Entwicklung der politischen Landschaft auf der Insel könnte sich bald deutlich verändern und den Weg frei machen – in die eine oder in die andere Richtung.

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