01 | 2020 Markt

China und die USA im Fokus der Glaskugel

Der Internationale Währungsfonds hat mal wieder in seine Glaskugel geschaut. Dass wir das etwas spitzer formulieren als gewöhnlich, liegt sicher daran, dass die IWF-Ökonomen in der Vergangenheit nicht gerade für ihre Treffsicherheit bekannt waren. Dennoch lohnt es sich, hier einen Blick auf die Prognosen und insbesondere die daraus resultierenden Implikationen zu werfen.

Zwei Märkte fallen uns gleich auf: Amerika und China – also die Nummer 1 und 2 (wenn man mal den Euro-Block ausklammert) in der Welt nach BIP-Umfang. Beiden traut der IWF in den kommenden Jahren nur rückläufige Wachstumsraten zu. Stellt sich die Frage, warum? Begründet wird das zumindest für die USA mit dem Hinweis, dass in den kommenden Jahren mit weniger stimulierenden Effekten von staatlichen Ausgabenprogrammen gerechnet wird. Außerdem dürfte die US-Notenbank wohl keine weiteren Zinslockerungen vornehmen.

Quelle: IWF

Aus unserer Sicht zwei Argumente, die den tatsächlichen Spielraum der US-Wirtschaft doch arg verengen. Denn staatliche Ausgabenprogramme spielten in der bisherigen Historie zwar immer wieder mal eine Sonderrolle, aber eben nicht die entscheidende für den längeren Trend. Eine Prognose von 1,7 % Wirtschaftswachstum in 2021 wäre im Endeffekt für amerikanische Verhältnisse fast so etwas wie eine Rezession, aktuell kaum vorstellbar. Zumal die Fed ja bekanntlich sehr hohe Flexibilität zeigt, wenn es um stabile Wachstumsdaten geht.

Dass China mit niedrigeren Wachstumsraten kommen wird, halten wir dagegen für durchaus denkbar. Denn natürlich wirken sich hier immer mehr Basiseffekte aus. Dennoch sollte auch hier gelten: Konjunktursorgen sind das noch lange nicht. Im Gegenzug die Frage, warum der IWF für den Euroraum (und speziell für Deutschland) mit steigenden Zuwachsraten rechnet. Ein Geschenk für die Alt-Chefin Christine Lagarde? Tatsache ist, dass die EZB kaum mehr sinnvollen Spielraum für weitere Lockerungsmaßnahmen hat. Immer mehr ins negative Terrain zu gehen, dürfte auch schnell seinen Grenznutzen erreicht haben. Andererseits zeigen sich insbesondere im bisherigen Zugpferd Deutschland immer stärkere strukturelle Probleme, ja Risiken. Die fangen bei der faktisch zerrissenen Automobilbranche an und hören bei der allseits maroden Infrastruktur nicht auf.

Die neuen Prognosen hinterlassen mehr Fragen als Antworten. Man darf gespannt sein, wie ernst der Markt das nimmt oder ob er die neuen „Erkenntnisse“ bald wieder in der Schublade verschwinden lässt.

Waffenruhe im Handelskrieg

Dasselbe gilt wohl auch für den ersten Teil des zäh errungenen Handelsabkommens, das US-Präsident Donald Trump und der chinesische Vize-Premier Liu He Mitte Januar unterschrieben – eine Art Waffenstillstandsabkommen im immer noch nicht gänzlich beigelegten Handelskrieg. Waffenstillstand deshalb, weil letztlich eigentlich nicht mehr gemacht wurde, als den aktuellen Status quo festzuschreiben. Zwar haben die Chinesen zugesagt, ihren Markt mehr für amerikanische Waren zu öffnen. Doch eine Senkung bestehender Strafzölle wird es noch nicht geben. Zugesagt hat Trump nur, dass auf weitere Strafzölle verzichtet wird.

Dass dieses Ergebnis nun eigentlich keinen Börsianer hinter dem Ofen vorlocken kann, liegt auf der Hand. Einziger Pluspunkt bei der ganzen Sache: Nachdem zuletzt wieder Befürchtungen laut wurden, Trump könnte einen seiner gefürchteten Meinungs-Haken schlagen, ist es diesmal ohne weitere Komplikationen über die Bühne gegangen.

Letztlich muss man es als Sieg von Trump werten. Er hat mit Blick auf den kommenden Präsidentschaftswahlkampf etwas vorzuweisen. So wollen die Chinesen in diesem und nächsten Jahr US-Waren in Höhe von rund 200 Mrd. USD mehr ins Land lassen (geschätzt rund 50 Mrd. USD davon sollen auf landwirtschaftliche Produkte entfallen – also der Hauptwählerschaft von Trump zugutekommen). Gleichzeitig hat er im Wesentlichen keine Zugeständnisse machen müssen und damit alle Möglichkeiten in der Hand, nach seiner (immer wahrscheinlicher werdenden) Wiederwahl bei den Chinesen erneut die Daumenschrauben anzusetzen, wenn es ihm nützt.

Über die tatsächlichen Kosten dieses „Spiels“ macht er sich sicher keine Gedanken. Die finden sich aber inzwischen überdeutlich in den entsprechenden Statistiken wider. Die grundsätzliche Frage ist nun: Wie schnell, wenn überhaupt, kann es jetzt eine Normalisierung der Güterströme geben? Zumal es ja auch noch andere geopolitische Ereignisse gibt, die zu möglichen Störungen führen könnten. Gerechnet werden darf sicherlich damit, dass in 2020 zum Vorjahr gerechnet wieder ein deutliches Plus herauskommt. Doch das stetige Wachstum aus der Vergangenheit dürfte wohl erst einmal nicht wieder erreicht werden. Ein hoher Preis für „America first“, auch wenn man mit Blick auf bisherige Handelsbeziehungen sicherlich einiges davon nachvollziehen kann. Aber es ist ja auch bekannt: Nach den Chinesen werden jetzt wohl die Europäer dran kommen. Ob noch vor den Wahlen, bleibt abzuwarten. Aber die Uhr tickt.

Coronavirus löst Handelskrieg als akute Bedrohung ab

Die Furcht vor einer Ausbreitung des Coronavirus aus China und der erste Ansteckungsfall in den USA haben den Anlegern am Dienstag erst einmal Angst eingejagt. Hinzu kam der schon angesprochene gedämpfte Ausblick des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf das globale Wirtschaftswachstum. Erste Corona-Infektionen wurden bereits in Asien, Europa, Nordamerika und Australien bestätigt. Es würden weitere Fälle in den USA erwartet, teilten die US-Zentren für Seuchenkontrolle (CDC) mit.

Die 11-Mio.-Stadt Wuhan kam quasi vollständig in Quarantäne, als alle öffentlichen Verbindungen aus und in die Stadt gekappt wurden. Inzwischen zählt man mehrere hundert infizierte Personen. Nach wie vor befürchtet man, dass daraus eine Epidemie erwachsen kann, welche die wirtschaftliche Aktivität bremst. So die Logik.

Mehr betroffen sind natürlich dabei die asiatischen Börsen. Ein artverwandter Virenstamm, das SARS-Virus, hatte 2003 ähnliches ausgelöst. Insbesondere kann sich die neue Lungenkrankheit in China vor dem traditionellen Neujahrsfest mit Hunderten Millionen von Reisenden sprunghaft ausbreiten. Besonders Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und andere Teile der Tourismusbranche waren bereits im Verlauf der Woche von Kursverlusten betroffen.

Trotz aller Risiken zeigen die chinesischen Aktien – vor allem darunter die Zykliker – eine Bodenbildung an, die wiederum einer Stabilisierung der chinesischen Konjunktur üblicherweise vorausläuft. Auch der inzwischen wieder etwas abgefederte Einbruch dürfte hieran nichts ändern. Wir gehen jedenfalls davon aus, dass es nach den Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahr mit dem Aufwärtstrend weitergehen wird.

Parallel sind die Exporte vom Nachbarn Japan den 13. Monat in Folge stärker geschrumpft als erwartet. Im Dezember wurden 6,3 % weniger Waren ins Ausland geliefert als im Vorjahresmonat, wie aus veröffentlichten Daten des Finanzministeriums hervorgeht. Grund waren der Handelsstreit zwischen den USA und China und eine Mehrwertsteuer-Erhöhung zu Beginn des vierten Quartals, die vor allem auf dem privaten Konsum lastete. Im laufenden Quartal zeichnet sich eine moderate Erholung ab. Das könnte gerade japanische Titel überaus interessant machen.

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